AUCH

 

Dogan Dogans Video in der Galerie Perpétuel

Da werden die Berliner aber Augen gemacht haben. Als Dogan Dogan sich wie einst John F. Kennedy auf den Balkon des Schöneberger Rathauses stellte und, nein, nicht über den Kommunismus und die Mauer sprach, sondern den berühmtesten Satz des amerikanischen Präsidenten fast ein wenig trotzig variierte: "Ich bin auch ein Berliner." Nichts als diese um das entscheidende Wörtchen "auch" ergänzte Wendung wiederholt Dogan in der Videoinstallation, die jetzt im Schaufenster der Frankfurter Galerie Perpétuel (Oppenheimer Straße 39) zu sehen ist.

Wieder und wieder sagt er seinen Spruch auf, ohne erkennbare Regung, während die Sätze Kennedys durchs Bild laufen: "All free men, wherever they may be, are citizens of Berlin." Was für ein Bekenntnis! Seinerzeit, 1963, waren Berlin und die Welt diesseits des Eisernen Vorhangs schier aus dem Häuschen. Mehr als vierzig Jahre später tobt keine Menge auf dem Rathausplatz, im Gegenteil. Nicht ein Passant schenkt Dogan überhaupt Beachtung. Berliner, mögen sich die Hauptstädter im Vorübergehen denken, sind heute ohnehin vor allem Schwaben, Ossis in Plattenbauten, eine Menge Türken oder jeder, der als Künstler, Schauspieler oder Popsternchen auf sich und seine Coolness hält. Schließlich ist Berlin nach den Worten seines Regierenden Bürgermeisters zwar arm, aber dafür ziemlich sexy. Dass Dogan nach fast dreißig Jahren in Frankfurt unlängst selbst nach Berlin gezogen ist, stellt da kaum mehr dar als eine hübsche Pointe am Rande. Denn dem von der Malerei kommenden Künstler, der als Dogan Özdogan bei Hermann Nitsch und Simon Starling an der Städelschule studiert hat, geht es in seiner noch im Studium entstandenen Installation um mehr als um einen Seitenhieb auf den Berlin-Hype gerade in Künstlerkreisen.

Obwohl man das Video darüber hinaus als ebenso naheliegende wie ironische und auf den Kunstkontext gemünzte Variante der peinlichen Kampagne "Du bist Deutschland" lesen könnte, entpuppt sich "auch" bald als weitaus komplexer. Entscheidend für das Funktionieren dieser Arbeit ist die Form, das subtile Thematisieren von Innen und Außen, von Positiv und Negativ, von Kunst und Betrachter auf einer zwar transparenten, doch fest verschlossenen Wand. Denn hier stellt Kennedys emphatisches Bekenntnis in erster Linie Fragen. Nach Freiheit und Freizügigkeit etwa, nach Identitäten und Identifikationen, nach Recht und Gerechtigkeit oder dem Verhältnis von Einwanderern und Deutschen durch Geburt.

Zwar haben sich das Diesseits und Jenseits des Eisernen Vorhangs, die 1963 den Kontext der Berliner Rede bildeten, inzwischen längst erledigt. Die Mauer aber, so offenbar Dogans Überzeugung, ist mit dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht einfach aus der Welt verschwunden. In Zeiten der Globalisierung, nach der Wiedervereinigung, der Asyldebatte und der Staatsbürgerschaftsreform, dem Schengener Abkommen und der Erweiterung der Europäischen Union stellt sie sich bezüglich ihres Verlaufs und ihres Charakters nur gänzlich anders dar. Und wird mitunter gerne übersehen. Wie eh und je aber sind es in der Kunst wie in der Realität die Perspektive und der Standpunkt des Betrachters, die über die Wahrnehmung entscheiden.

Christoph Schütte

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2008, Nr. 250, S. 54
Seitenüberschrift: KULTUR Ressort: Rhein-Main-Zeitung, Innen und Außen

 

Click to open the image of your selected work.